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Narrenbüttel oder Narrenpolizist

Ein echter Narrenpolizist ist alles andere als ein dummer Dreckschwätzer oder ein versoffener Trottel. Narrenpolizisten sind in der schwäbisch-alemannischen Narrenlandschaft gleichberechtigte Sonderfiguren. In ihnen sollen unter anderem die ehemaligen Gemeindeboten und Dorfpolizisten Urständ feiern. Darum tragen sie im allgemeinen auch das Häs ihrer honorigen Vorfahren und Vorbilder.

 

buettelGroßkopfeter als Narrenpolizist
Foto: Gaby Kraemer
Uniformrock, weiße oder dunkle Hose, Schaftstiefel (Knobelbecher), eine Soldatenmütze oder eine Pickelhaube; evtl. noch einen Säbel umgeschnallt. Ihr wichtigstes Requisit ist die Schelle. Nur ganz selten sind sie verlarvt (wie beispielsweise unter der Larve eines Großkopfeten), tragen meist einen übergroßen Schnurrbart.

Die "Büttel-Schelle", die nicht mit Glocken, Schellen und Glöckchen der weiß- und anderer Narren verglichen werden darf, dient einzig und allein, närrische Bekanntmachungen anzukündigen und "auszuschellen". Narrenpolizeien findet man in fast allen Regionen der schwäbisch-alemannischen Landschaft. Und weil sie in der Fasnet ordnende Aufgaben zu übernehmen haben, gelten sie als wichtige Funktionäre. Als solche sind sie oft stur, kopieren bewusst den "Spieß" bei den einst kaiserlichen Kompanien. Selbstverständlich sind sie Narren, haben Humor und Witz, sind durchweg Spaßvögel, nicht selten Originale. Und bei vielen Zünften sind sie sogar so etwas wie die rechte Hand des Zunftmeisters oder des Zeremonienmeisters.

Es gibt Fälle, wo sie ähnlich fungieren in den Zünften wie die mittelalterlichen Hofnarren - erlauben sich dort viel, nehmen Zunft- und Narrenobere auf den Arm. Diese Narrenpolizisten gehören fast schon zu der Gruppe der "Narrenbüttel". Büttel waren im Mittelalter Gerichtsboten, ja sogar Gerichtshäscher. Solche Narrenbüttel finden wir zum Beispiel in Markdorf und in Stockach, die dort wie die Hofnarren gekleidet und intelligente Hästräger sind. Narrenpolizei und Narrenbüttel brauchen also nicht immer dasselbe sein. Meist agiert in einer Zunft nur ein Narrenpolizist. Es gibt aber auch Ausnahmen; da gibt's dann zwei und mehrere.

buettel1Werner Böhmer weist Otze in die Aufgaben eines Büttels ein. Foto: Gaby KraemerSchon seit einigen Jahren ruft Ottmar Knapp (Otze), früher zusammen mit seiner Gattin Margret, immer am Vormittag des Narrenbaumsetzens die Fasnet in Ailingen aus. Dabei zieht er laut schellend durch die Straßen von Ailingen und verliest die Proklamation. Jung und alt sind aufgerufen dem Narrenbaum auf den Rathausplatz zu folgen und die Herrschaft der Narren zu unterstützen. Seit er im Jahre 2004 seine Reithexe Zipse endgültig abgesattelt hat, widmet sich Otze nun ganz dem Amt des Büttels in Ailingen.

Jetzt ist der "Bonsai-Büttel" des Narrenvereins Seegockel Werner Böhmer nicht mehr alleine:
Ottmar Knapp, der schon legendäre Hexenreiter der Narrenzunft Ailingen, wurde am Samstag, den 15.Januar 2005 auf dem Ailinger Rathausplatz zum "Ailinger Dorfbüttel" ernannt. Zunftmeister Jochen Meschenmoser und Ortsvorsteher Hans-Georg Maier übernahmen die ehrenvolle Aufgabe ihren "Otze" in den Stand des Dorfbüttels zu erheben. Brief und Siegel auf den Dorfbüttelvertrag gemacht wurde im Anschluss in des Ortsvorstehers hoch heiligen Räume.

Seit 35 Jahren ist Otze als Hexenreiter auf seiner "Zipse" durch unzählig viele Fasnetsveranstaltungen in Ailingen geritten. Auch weit über die Dorfgrenze hinaus machte sich der Ailinger Hexenreiter einen Namen und bereicherte so manchen Umzug im Ländle. Aus gesundheitlichen Gründen will Ottmar Knapp nun seine "Zipse" in den Hexenstall verfrachten.

buettel2Anstellungsvertrag (2. Seite), beglaubigt mit Dienstsiegel Foto: Jochen MeschenmoserDass gerade Werner Böhmer die Patenschaft für Otze übernahm ist nicht weiter verwunderlich. Zum einen verfügt Böhmer über ausreichend Erfahrung im Büttelgeschäft, zum anderen sind beide Männer von gleicher "Bonsai-Statur".

Als Taufgeschenk gab es für Ottmar Knapp eine richtige Schelle, mit der er künftig das Fasnetsgeschehen in Ailingen lautstark einläuten wird.

Die Premiere erfolgte wenige Stunden später: Beim Narrenbaumsetzen um 14 Uhr stellte Dorfbüttel Otze sogleich sein Können unter Beweis.

Von nun an führt Ottmar Knapp als Narrenbüttel mit Schelle und laut rufend "Ali Gero" oder "a guets neis no" die Narrenzunft Ailingen an den Umzügen und Narrensprüngen an.

Autoren: Gaby Kraemer & Jochen Meschenmoser